Das Wichtigste in Kürze
Im April 2026 sprach Sundar Pichai mit John Collison (Mitgründer von Stripe) und Investor Elad Gil über Googles KI-Strategie, die Zukunft der Suche und die Engpässe, die den Ausbau bremsen. Das Gespräch liefert klare Signale dafür, wohin sich die digitale Sichtbarkeit entwickelt – und warum Unternehmen jetzt handeln sollten.
Hier das ganze Interview:
Auf die direkte Frage, ob Search in 10 Jahren noch existieren wird, antwortete Pichai: Search werde sich zu einem „Agent Manager“ entwickeln. Nutzer werden nicht mehr einzelne Keywords eingeben und Link-Listen durchklicken. Stattdessen delegieren sie komplexe Aufgaben an KI-Agenten, die asynchron und parallel im Hintergrund arbeiten.
Die ersten Anzeichen dafür sind bereits sichtbar. Im AI Mode von Google Search stellen Nutzer heute schon Deep-Research-Anfragen, die weit über eine klassische Suchanfrage hinausgehen. Die Erwartung verschiebt sich: weg von „zeig mir Ergebnisse“ hin zu „erledige das für mich“.
Für Unternehmen bedeutet das eine grundlegende Veränderung. Wenn KI-Agenten die Vorauswahl treffen, welche Anbieter relevant sind, entscheidet nicht mehr die Position in den Suchergebnissen allein. Entscheidend wird, ob eine Marke in den Antworten und Empfehlungen der KI-Systeme überhaupt vorkommt.
Wer ausschließlich für klassische Rankings optimiert, riskiert, aus dem neuen Entscheidungsprozess vollständig herauszufallen – bevor ein potenzieller Kunde die Website überhaupt sieht.
Die Zahlen sprechen für sich. Google hat seinen jährlichen CapEx von rund 30 Milliarden auf 175–185 Milliarden USD hochgefahren. In wenigen Jahren. Pichai bringt es auf den Punkt: So einen Sprung macht man nicht, wenn man die Entwicklung als vorübergehenden Trend einordnet.
Gleichzeitig stößt selbst Google an physische Grenzen. Pichai beschreibt die aktuellen Engpässe offen: Wafer-Kapazitäten für Chip-Produktion sind limitiert. Memory (HBM) ist kurzfristig nicht in ausreichender Menge verfügbar. Energie und Genehmigungsverfahren bremsen den Bau neuer Rechenzentren. Selbst qualifizierte Elektriker fehlen.
Google könnte mehr investieren, wenn die physische Infrastruktur es zuließe. Das zeigt, wie ernst die Lage ist – und wie entschlossen der Kurs.
Die Konsequenz für Unternehmen: Google richtet seine gesamte Infrastruktur um KI herum aus. Das betrifft Search, YouTube, Google Cloud, Waymo und alle weiteren Produkte. Diese Richtung ist gesetzt. Wer seine digitale Strategie noch auf die Spielregeln von 2020 ausrichtet, plant an der Realität vorbei.
Noch Mitte 2025 war die öffentliche Wahrnehmung von Google im KI-Bereich negativ. Die verbreitete Meinung: Search ist unter Druck, Google hat den Anschluss verloren. Der Aktienkurs spiegelte das wider.
Pichai sah das intern anders. Google hatte nach sieben TPU-Generationen, jahrelanger AI-first-Ausrichtung und eigenen Forschungsteams alle Bausteine. Was fehlte, war die Execution bei Frontier-Modellen – nicht die Capability.
Der Wendepunkt nach außen war Gemini 2.5, insbesondere durch seine multimodalen Fähigkeiten. Diese Modelle bewerten nicht nur Text, sondern verarbeiten und verknüpfen Text, Bild, Video und strukturierte Daten gleichzeitig.
Für die KI-Sichtbarkeit von Unternehmen hat das direkte Auswirkungen. Reine SEO-Texte – auch wenn sie gut geschrieben sind – reichen nicht mehr. KI-Modelle extrahieren Informationen aus allen verfügbaren Quellen und Formaten. Wer sichtbar bleiben will, muss Inhalte liefern, die maschinenlesbar, strukturiert und in mehreren Formaten aufbereitet sind.
Ein Gedanke zog sich durch das gesamte Gespräch: Pichai betrachtet den KI-Markt nicht als Verdrängungswettbewerb. YouTube ist seit dem Aufstieg von TikTok gewachsen. Amazon ist seit Google gewachsen. Facebook hat Instagram nicht verdrängt – sondern übernommen und integriert.
Seine Kernthese: In einer expansiven Phase gewinnen alle, die sich weiterentwickeln. Verlieren tun nur diejenigen, die stehenbleiben.
Das klingt zunächst beruhigend. Aber die Kehrseite ist klar: Wer nicht innoviert, wird nicht von einem Wettbewerber verdrängt, sondern schlicht irrelevant. Nicht weil jemand besser wird, sondern weil sich die Spielregeln ändern und man nicht mehr mitspielt.
Für mittelständische Unternehmen im DACH-Raum heißt das: Die Frage ist nicht, ob KI-Sichtbarkeit für dein Geschäft relevant wird. Die Frage ist, wann du anfängst, sie aufzubauen. Und ob du es tust, bevor deine Wettbewerber es tun.
Neben den offensichtlichen Veränderungen sprach Pichai auch über Risiken, die aktuell noch wenig Aufmerksamkeit bekommen.
Zum Thema Sicherheit formulierte er es deutlich: KI-Modelle werden mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Großteil der bestehenden Software angreifbar machen. Der Schwarzmarktpreis für Zero-Day-Exploits fällt bereits, weil das KI-gestützte Angebot steigt. Pichai erwartet einen „scharfen Moment“ und fordert mehr Koordination zwischen Unternehmen.
Auch die Geschwindigkeit, mit der KI in Unternehmensprozesse diffundiert, ist ein Thema. Intern nutzen Googles fortschrittlichste Teams bereits ein Agent-Manager-Tool für ihre tägliche Arbeit. Aber selbst bei Google dauert es, dieses Arbeiten in die gesamte Organisation zu tragen. Change Management, Zugriffsrechte und Sicherheitsanforderungen bremsen die Verbreitung.
Pichai räumt offen ein: Startups haben hier einen Vorteil. Sie können AI-native aufgebaut werden, ohne bestehende Strukturen transformieren zu müssen.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein doppeltes Risiko. Wer seine digitale Basis – Website, Datenstrukturen, Content – nicht jetzt KI-ready macht, verliert nicht nur Sichtbarkeit. Er wird auch anfälliger für Sicherheitsprobleme, weil veraltete digitale Infrastruktur leichter angreifbar ist.
Die Aussagen von Pichai bestätigen, was sich in der Praxis längst abzeichnet. Die Suche verlagert sich von keyword-basierten Ergebnislisten zu KI-gestützten Antworten und Empfehlungen. Unternehmen, die in diesen Antworten vorkommen wollen, müssen jetzt an vier Stellen ansetzen.
Google baut Search zur KI-Plattform um. Nicht schrittweise, nicht experimentell, sondern mit einem CapEx von 180 Milliarden USD pro Jahr. Die Richtung steht fest: KI-Agenten werden die Vorauswahl für Kaufentscheidungen treffen. Multimodale Modelle werden Inhalte anders bewerten als bisherige Suchalgorithmen. Und Unternehmen, die in diesen Systemen nicht vorkommen, werden für einen wachsenden Teil der Suchenden schlicht nicht existieren.
Die gute Nachricht: KI-Sichtbarkeit lässt sich gezielt aufbauen. Und wer jetzt beginnt, hat einen Vorsprung, der mit jedem Monat schwerer aufzuholen ist.
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